Über Missing Links und fossile Raritäten

Fossil Ida dokumentiert die evolutionäre Entwicklung von den lemurenähnlichen Primaten zu den ersten Affen. Allerdings ist Darwinius Masillae kein Missing Link.
Sogenannte "Missing Links", also Fossilien, die die Entwicklung einer neuen Art dokumentieren, spielen in der öffentlichen Wahrnehmung der Paläanthropologie eine große Rolle.
Sobald irgendwo ein neues Fossil auftaucht, das nur halbwegs diese Kriterien erfüllt, titeln alle Zeitungen und Zeitschriften: "Sensation! Missing Link gefunden." Doch die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich eines Tages einen solchen "Link", wie es korrekt heißen müsste, zu finden, ist nur minimal.
Zwischen- oder Mosaikformen
Evolution vollzieht sich in kleinen Schritten. Durch Mutation, Isolation und Selektion verändern sich Lebewesen. Und dadurch kann über hunderte oder gar tausende von Generationen aus einer Art A eine neue Art B entstehen. Und eigentlich müsste es tausende Zwischen- und Mosaikformen geben, die diese Entwicklung dokumentieren. Müsste ... Eigentlich ...
Fossile Raritäten
Doch die Sache hat einen Haken. Und der hat mit der Entstehung von Fossilien zu tun. Fossilien sind nämlich selten. Seltener als Diamanten, seltener als Platin, seltener als Gold. Damit ein Fossil entsteht, müssen viele glückliche Umstände zusammen treffen. Und eine solche Rarität dann auch noch zu finden, gleicht einem Sechser im Lotto.

Versteinerte Schädel von Neandertaler und Homo Sapiens.
Knochen werden zu Stein
Eine andere Bezeichnung für Fossil ist nämlich Versteinerung. Und dieser Begriff erklärt besser, worum es eigentlich geht. Fossilien sind nämlich keine ausgetrockneten Knochen. Das wäre eine Mumie. Und Mumien halten sich nur wenige tausend Jahre. Nein, Fossilien sind tatsächlich Versteinerungen. Menschliche oder tierische Knochen, die zu Stein geworden sind.
Knochen werden zu Stein - Wie Fossilien entstehen
Damit ein Fossil entsteht, muss gleich ein ganzes Bündel seltener Zufälle zusammentreffen.
- Das verstorbene Lebewesen muss sofort nach seinem Tod von Sumpf oder Schlamm eingeschlossen und luftdicht konserviert werden. Und dieses Material muss anschließend verhärten. Solche Schichten nennt man Sedimente.
- Die Sedimentschicht mit dem toten Lebewesen muss lösliche Mineralien enthalten, die in den Körper eindringen, das organische Material ersetzen und anschließend verhärten (Mineralisierung, Verkieselung)
- Das Fossil darf vor seiner Entdeckung nicht an die Erdoberfläche gelangen, weil es sonst durch Erosion zerstört wird
Nur 1 Prozent aller Lebensformen sind fossil erhalten
Jeder kann sich leicht vorstellen, dass diese speziellen Umstände nur sehr selten zusammentreffen. Und daher sind Fossilien von Menschen oder Tieren absolute Raritäten. Experten schätzen, dass gerade mal 1 Prozent aller Lebensformen, die jemals die Erde bevölkert haben, fossil erhalten sind.
Sehr geringe Wahrscheinlichkeit
Fossilien sind also sehr selten und schwer zu finden. Und diese besonderen Umstände sorgen dafür, dass die Wahrscheinlichkeit, einen überzeugenden Missing Link zu entdecken, sehr gering ist. Denn dazu bräuchte man mindestens drei Funde aus der gleichen Entwicklungslinie - einen von der Ursprungsart, einen von der neuen Art und das passende Verbindungsglied, das eine Entwicklung von A nach B erkennen lässt.
Die "Vettern" der Missing Links
Einen "echten" Missing Link wird man also möglicherweise nie finden. Dennoch gibt es einige Fossilien, die man zumindest als "Vettern" eines solchen Missing Link einordnen kann. So zum Beispiel den Archaeopteryx, einen kleinen Raubsaurier mit Flügeln, der belegt, dass die heutigen Vögel von den Dinoauriern abstammen. Oder den Quastenflosser, einen Fisch mit Stummelbeinen, der den Landgang der Fische und die Entstehung der Amphibien dokumentiert.
Eindeutiges hominides Gesamtbild
Und wie sieht's mit der Paläanthropologie aus? Nun ja, auch die hat keinen wirklich überzeugenden Missing Link zu bieten. Weder der Übergang vom Menschenaffen zum Australopithecus noch der Übergang vom Australopithecus zum Menschen ist eindeutig belegt. Allerdings ist das auch gar nicht notwendig, denn das fossile Gesamtbild der menschlichen Evolution spricht eine ziemlich eindeutige Sprache.
- Wir verfügen inzwischen über Fossilien von 20 Millionen Jahre alten Menschenaffen
- Wir kennen die noch affenähnlichen aber aufrecht gehenden Australopithecinen
- Wir haben Fossilien früher Menschenformen entdeckt, die mit großer Wahrscheinlichkeit zu den Vorgängern des heutigen Menschen gehören.
Überholte Vorstellung
Alles in allem muss man sagen, dass der Begriff "Missing Link" in der modernen Forschung kaum noch eine Rolle spielt. Die früher weit verbreitete und im Grunde naive Vorstellung, man müsse doch irgendwann ein Fossil finden, das die Entwicklung vom Affen zum Menschen überzeugend in einem einzigen Fund dokumentiert, ist inzwischen selbst zum Fossil geworden.