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Was Finger über die Hormone verraten

Australopithecus Afarensis
Fingerknochen von frühen modernen Menschen (l.) und von Neandertalern (r.). Foto: Universität Liverpool (Image courtesy of E. Trinkaus and the Israel Antiquities Authority)

Forscher der Universität Liverpool haben die fossilen Fingerknochen von Vormenschen, Neandertalern und modernen Menschen miteinander verglichen, um herauszufinden, ob sie ein eher affenähnliches oder menschliches Sozialverhalten besaßen.

Und das geht? Ja, es geht. Denn das Längenverhältnis zwischen Zeige- und Ringfinger verrät, welche Hormone im Körper dominieren.

Was Finger über den Hormonspiegel verraten

Hintergrund: Die beiden Sexualhormone Testosteron und Östrogen bestimmen nicht nur das Geschlecht eines Menschen, sondern auch sein Sozialverhalten. Und vor einigen Jahren haben amerikanische Forscher festgestellt, dass Menschen mit viel Testosteron im Körper (also vor allem Männer, aber auch Schimpansen und Gorillas) lange Ringfinger und kurze Zeigefinger haben. Bei Menschen mit viel Östrogen im Körper (meist Frauen) ist es genau umgekehrt. Die US-Forscher konnten damals nachweisen, dass das Längenverhältnis zwischen Ring- und Zeigefinger ein ziemlich genauer Indikator dafür ist, wie viel Testosteron oder Östrogen ein Körper produziert.

Wie verhielt es sich mit unseren Vorfahren?

Dieses wissenschaftliche Phänomen brachte Emma Nelson und ein Forscherteam der Universität Liverpool auf eine Idee. Sie beschlossen, sich einmal die fossilien Finger ausgestorbener Hominiden etwas genauer anzuschauen. Besaßen die Vorfahren des Menschen extrem lange Ringfinger wie die heutigen Schimpansen oder ein eher menschenähnliches Längenverhältnis? Mit anderen Worten: Besaßen sie einen "affigen" Hormonspiegel oder einen menschlichen?

Neandertaler und früher Sapiens waren "männlicher"

Das Ergebnis war erstaunlich eindeutig. Die frühen Menschenaffen und der Ardipithecus Ramidus, der vor 4,4 Millionen Jahren lebte, verfügten über Fingerlängen wie die heutigen Schimpansen. Sie besaßen also einen hohen Testosteronspiegel mit all seinen Folgen: aggressiv-dominantes Verhalten und Vielweiberei. Etwas abgeschwächt, aber immer noch deutlich erkennbar, bot sich bei Neandertalern und frühen modernen Menschen, die vor 90.000 Jahren lebten, ein ähnliches Bild. Auch sie hatten einen hohen Testosteronspiegel.

Lucy & Co. lebten offenbar monogram

Eine Ausnahme bildete der Australopithecus Afarensis, jene Hominidenart also, die vor 4,0 - 2,9 Millionen Jahren in Ostafrika lebte und zu der auch die berühmte Lucy gehörte. Diese Hominiden weisen ein Zeigefinger-Ringfinger-Längenverhältnis auf, dass dem des heutigen Menschen ähnelt. Die englischen Forscher glauben deshalb, dass Lucy & Co. weniger aggressiv waren und monogam lebten.

Fortschritt durch weniger Testosteron

Das Ergebnis der neuen Studie könnte ein Hinweis darauf sein, dass der heutige Mensch einen niedrigeren Testosteronspiegel aufweist als seine Vorfahren und Vettern. Und diese Tatsache könnte dafür verantwortlich sein, dass er neue Verhaltensweisen entwickelte - mehr soziale Kompetenz und Monogamie. Denn die Sexualhormone steuern nicht nur Geschlecht und Aggression, sondern auch die Gehirnentwicklung und das soziale Verhalten.

Weniger dominant und aggressiv

Auf den Punkt gebracht: Der heutige Mensch ist weniger "männlich" als seine Vorfahren. Sein Körper produziert weniger Testosteron und mehr Östrogen. Und diese "weibliche" Komponente hat zu neuen Fähigkeiten und besserer Gesundheit geführt. Denn inzwischen ist nachgewiesen, dass ein hoher Testosteronspiegel Krankheitsbilder wie Migräne und Stottern fördert, ja sogar für Schizophrenie und Autismus verantwortlich ist.

"Weibliche" Männer sind klüger

Außerdem scheint das weibliche Sexualhormon Östrogen Männer klüger zu machen. Als bekannt wurde, dass man am Längenverhältnis zwischen Zeige- und Ringfinger die "Männlichkeit" ablesen kann, unternahmen Wissenschaftler der Universität Bath einen Selbstversuch. 100 männliche Hochschullehrer maßen die Länge ihrer Zeige- und Ringfinger. Das Ergebnis war erstaunlich. Fast alle hatten längere Zeigefinger. Sehr untypisch für Männer, eher typisch für Frauen. Studienleiter Mark Brosnan: "Offenbar haben kluge Männer einen ungewöhnlich hohen Östrogenspiegel." Er glaubt, dass Östrogen die Entwicklung der rechten Hirnhälfte fördert. Und dort scheinen die besonders schlauen grauen Zellen zu sitzen.


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